Stellungnahme zur Debatte um Herrn Prof. Dr. Bellers

Stellungnahme von Gay@Uni zur aktuellen Debatte um die Äußerungen von Herrn Prof. Dr. Bellers:

“Aufgrund der Entwicklungen der letzten Tage weist Gay@Uni auf den Missbrauch und die Instrumentalisierung der akademischen Titel und der Position von Herrn Prof. Dr. Bellers hin. Wir finden, dass Herr Prof. Dr. Bellers seine persönliche Meinung zu sehr in den universitären Bereich bringt und damit Diskriminierung an der Universität Siegen einen Platz gibt. Seine teils homophoben und antistaatlichen Äußerungen sind nicht zeitgemäß. Darum möchten wir, dass Gruppierungen wie „Tradition international“, die unter anderem zum Ziel haben, veraltete Unterrichtsinhalte zu lehren, die unserer heutigen vielfältigen Lebenswelt nicht gerecht werden, nicht Teil der Universität Siegen werden.

Weiter stellen wir in Frage, ob die Bestimmung des Alters und des angemessenen Umfangs der Sexualaufklärung in den Lehrbereich eines Professors für Internationale Politikwissenschaft, Rechtspolitik, EU- und Völkerrecht gehört; daher können die Aussagen von Herr Prof. Dr. Bellers unserer Ansicht nach nicht durch die Freiheit der Lehre legitimiert werden.

Abschließend fordern wir Herrn Prof. Dr. Bellers zu einer offiziellen schriftlichen Stellungnahme auf.”

 Zusammenfassung der Ereignisse:

Am 5.5.2012 fiel Herr Prof. Dr. Bellers durch einen Post in der UNI SIEGEN –Gruppe auf Facebook auf. In diesem lud Herr Prof. Dr. Bellers am 14.5.2012 ab 17 Uhr zu einem Treffen ein, bei welchem die Gruppe „Traditional international“ als Menschenrechtsorganisation gegründet werden sollte, die sich von da an jeden Montag treffen wollte. Diese Gruppe wolle besonders durch „Mailaktionen an die, die (…) Menschenrechte missachten, z.B. gegenwärtig der Berliner Senat, der im Unterricht auch homosexuelle Beziehungen als mögliche Partnerschaftsformen lehren will“ tätig werden. In Folge dieses Posts entbrannte unterhalb dessen eine hitzige Diskussion, wie die Äußerung von Herrn Prof. Dr. Bellers zu deuten sei.

Einerseits stieß die Äußerung bei einigen Mitleserinnen und Mitlesern auf Zustimmung. Man diskutierte über die Ausmaße von Toleranz in Bezug auf Formen der Sexualität und unterstrich dies mit Beispielen wie Sodomie, Pädophilie, Objektophilie und Polygamie. Weiter wurde bemerkt, dass homosexuelle Beziehungen nicht so normal seien, dass sie einen Platz im Unterricht benötigen würden. Auch wurde vorgeschlagen, dass man universelle Toleranz thematisieren könne ohne dabei genauer auf einzelne Teilbereiche, wie Homosexualität, einzugehen. Herr Prof. Dr. Bellers verteidigte sich indem er auf seine Interpretation von Elternrecht aufmerksam machte. Das heißt, dass er kritisierte, dass Kinder teilweise gegen den Willen ihrer Eltern über Partnerschaftsformen abseits der herteronormativen Lebensform aufgeklärt würden. Dabei bezog er sich auf europäische und internationale Menschenrechtscharten, diverse Artikel (z.B. Art. 2-7 GG) des Grundgesetztes und ein Urteil des europäischen Menschenrechtsgerichtshofes.

Auf der anderen Seite stieß der Post auf große Empörung. Viele Mitleserinnen und Mitleser empfanden den Post als Provokation. Sie stellten mehrfach fest, dass gleichgeschlechtliche Beziehungen eine mögliche Partnerschaftsform darstellen und diese aus diesem Grund auch im Unterricht aufgegriffen werden sollten. Sie unterstützten ihre Aussagen indem sie darauf aufmerksam machten, dass zwar nicht die Mehrheit, aber ein nennenswerter Teil der Bevölkerung in gleichgeschlechtlichen Beziehungen lebt. Sie werteten den Post von Herrn Prof. Dr. Bellers als „antiaufklärerisches Gewäsch“, das Homophobie fördert. Sie betonten die Wichtigkeit der Vermittlung von Toleranz und sexueller Vielfalt, wobei man zwischen Liebe (gleichgeschlechtliche Beziehung) und Missbrauch (Pädophilie) unterscheiden müsse. Die Titulierung von Aufklärung von Homosexualität als Menschenrechtsverletzung löste Unverständnis aus.

Da die Diskussion bei Facebook irgendwann unübersichtlich wurde, wurde eine Diskussionsrunde für Montag, den 7.5.2012 um 16.15 Uhr an der Universität Siegen organisiert. Herr Prof. Dr. Bellers stellte sich dort den Fragen von ca. 30 Studierenden, wobei sich kein Unterstützer für die Aussagen von Herrn Prof. Dr. Bellers erkennbar zeigte.

In der Diskussion betonte Herr Prof. Dr. Bellers noch einmal, dass der Berliner Senat das Elternrecht missachten würde, wenn Schülerinnen und Schüler ab der ersten Klasse bereits gleichgeschlechtliche Partnerschaftsformen im Unterricht wiederfinden. Er argumentierte, dass Schülerinnen und Schüler durch Konfrontation mit gleichgeschlechtlichen Partnerschaften in ihrer Entwicklung verwirrt würden. Weiter folgerte er, dass Schülerinnen und Schülern durch diesen Schritt ein festes Wertegerüst genommen würde, das sie vor allem in ihrer Kindheit und Jugend bräuchten. Seiner Meinung nach passt nur „Schlüssel in Schloss“ und keine andere Kombination. Ferner sieht er einen Einschnitt der Freiheit, wenn man sich in der Schule nicht gegen Aufklärung wehren kann. Unterstützend sagte er: „Dummheit macht glücklich.“ Und betonte weiter: „Ich möchte nichts über Homosexualität in der Schule lernen.“

Auf der anderen Seite wurde betont, dass Homosexualität – genau wie jede andere sexuelle Orientierung – eine angeborene sei. Dadurch ist die Aufklärung über verschiedene Beziehungsformen in der Schule notwendig und wirkt nicht verwirrend, sondern spiegelt die Lebensrealitäten wieder. Zudem muss berücksichtigt werden, dass es nicht nur um Sex sondern auch um Gefühle und Verantwortung geht. Die Schülerinnen und Schüler können so schon früh ihre eigene sexuelle Orientierung einordnen oder – sofern die sexuelle Orientierung noch keine Rolle spielt – mit gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, die sie in ihrem Alltag vorfinden besser umgehen.  Der Einbezug von verschiedenen Lebensformen in den Schullalltag sorgt dafür, dass der Entwicklung von Homophobie entgegengewirkt wird. Es wurde betont, dass keine ausschließliche oder bevorzugte Thematisierung von homosexuellen Partnerschaften vorgenommen werden sollte, jedoch aber ein realitätsnaher Einbezug dieser. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer machten weiter darauf aufmerksam, dass niemand die Meinungsfreiheit von Herrn Prof. Dr. Bellers einschränken wolle. Man sehe es jedoch kritisch, dass ein Prof. Dr. an einer staatlichen Universität es als Menschenrechtsverletzung sehe, wenn homosexuelle Partnerschaften im Unterricht gelehrt würden und gegen diese vermeintliche Menschenrechtsverletzung organisiert mit Mailaktionen vorgehen wolle.

Nach der 90 Minuten andauernden Diskussion wird diese beendet, da man feststellt, dass die Diskussion zu keinem Ergebnis führen wird. Wenige Stunden nach der Diskussion schrieb Herr Prof. Dr. Bellers in der UNI SIEGEN –Gruppe, dass er sich bei denjenigen, welche er „vielleicht in ihrer tiefsten Identität getroffen“ habe, entschuldige. Auch entschuldige er sich für „falsche Worte“.

Am Morgen des 8.5.2012 äußerte sich Herr Prof. Dr. Bellers erneut in der UNI-SIEGEN Facebook-Gruppe wie folgt:

Liebe Leute, ich nehme alle meine äußerungen zurück und halte nun nach der interssanten diskussion alle geschlechtlichen bezieheungen (hetero, homo usw) für staatlicherseits gleichberechtigt, ich bitte die landesregierungen, sie in allen grundschulen mit einem eigenen fach zu lehren (aber zugleich den unterrichtszwang abzuschaffen), und den bundestag, die noch bestehende ungleichberechtigung der alternativen geschlechtsformen, wie in meiner ursprungsmail gesagt, abzubauen (zB hiinsichtlich ihrer fehlenden verfassungsrechtlichen verankerung). Zugleich bitte ich den asta, vom staat zu fordern, alle anderen noch besteheden freiheitsbeschränkungen, gemessen an art. 2 gg, zu beseitigen, zB verbot der vielweiberei und vielmännerei als ehe, unterrichtszwang statt nur schulzwang, usw. in der dsikussion habe ich immer wieder betont, dass ich konservativ-libertär bin und daher den staat als herrschaft möglichkeit einschränken und reduzieren will. wenn eine gesellschaft volle freiheit will und keinen dabei schädigt, sollte man keinen daran hindern. auch eine gesellschaft muß aus ihren fehlern durch eigenes erleben lernen können, oft überzeugen die menschen nur schicksalsschläge. ich gehe derweil in meine katholische katakombe (zusammen mit dem papst und kardinal meisner) und wandle als anarch nachts auf den marmorklippen. mir reichts. ich werde in zukunft nur noch schweigen. alles gute und pax et bonum jürgen bellers Gott rette unser vaterland!

 Anschließend entflammte erneut eine noch andauernde Diskussion.

6 thoughts on “Stellungnahme zur Debatte um Herrn Prof. Dr. Bellers

  1. Bin gerade über den Suchbegriff Gleichgeschlechtliche liebe auf diesen Blog aufmerksam geworden. Danke für den netten Post dazu. Viele Grüße wünscht Thorsten.

  2. wo und wie kann man denn mal die ganze debatte nachlesen? (path/ weg) haben wir nicht gefunden. seit der diskussion am montag im stpa finden wir es nicht.
    vielen dank für die hilfe im voraus.
    mfg

  3. Schade, jetzt entdecke ich das erst. Ich hätte zu gerne gefragt, wie es denn bitteschön um das wohl von homosexuellen Jugendlichen geht, denen man die Existenz von Homosexualität an sich, von homosexuellen Partnerschaften verschweigt, vorenthält oder schlechtredet.
    Auf diese Weise wurde schon oft ein Coming-Out verzögert und/oder die Jugend ruiniert. Vom Schulabbruch (weil man keine anderen kennt und sich stets mit der Frage beschäftigt was an einem anders ist; Mobbing…) bis hin zum Suizid.
    WO ist denn da das Kindeswohl und wo wurde denn da das Kind vor einer “Verwirrung” geschützt?!?

    1. Lieber Ingo,

      was da angesprochen wurde, ist tatsächlich ein Thema, das eigentlich viel zu selten wirklich besprochen wird. Die meisten Gedanken, wie der, der fordert, dass geschwiegen wird, enden viel zu schnell und tragen viel zu viel Unwissen und Vorurteile mit sich herum. Trotz der großen Verspätung, freuen wir uns, wenn wir lesen, dass Homophobie in den Bildungspläne 2015/2016 ein Thema wird. Zu spät, ja! Aber immerhin wird es nun angepackt.

      Wenn du Interesse hast dich im Referat zu engagierten, schau’ doch mal rein. :-)

      Beste Grüße
      das Gay@Uni-Team

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